Freitag, 2. Mai 2014

Üç aydır Istanbul`dayım – Halbzeit!

Halbzeit.

Seit drei Monaten bin ich nun in Istanbul. Ist die Zeit bisher vorangeschritten, beginnt sie sich von nun an rasend schnell gen Ende zu neigen. Jetzt heißt es nicht mehr „schon“ drei Monate, jetzt heißt es „nur noch“. Den bitteren Nachgeschmack, den des baldigen Lebewohls, muss man aber nicht aufkommen lassen. Die erste Hälfte meines Aufenthaltes ist geschmückt von neuen Eindrücken und Erfahrungen – und wer jetzt denkt, der Alltag würde dem aufregenden Leben hier den Wind aus den Segeln nehmen, der täuscht sich.

Alltag in Istanbul – ein Résumé

In Istanbul kein Gewicht zuzulegen – das schafft man meines Erachtens nur mit Disziplin, Sport und essunfreudigen Weggefährten. Natürlich ist letzteres immer eine Typ-Frage, aber festzuhalten ist dennoch: Essen ist hier wichtig. Mezeler, ana yemekleri, tatlı – und nicht zu vergessen die unzähligen  Streetfood Optionen. Köstlich! Geld muss man auch keines ausgeben. Sicherlich würde man hier ohne einen Penny überleben, denn die Türken „füttern“ gerne. Ob beim Gemüsehändler, im Kiosk des Sprachzentrums oder die türkischen Kommilitonen: Jeder gibt was aus und das gerne „zu Fuß“, also mit der eigenen Hand in den fremden Schlund. Alles soll probiert werden, denn auf die türkische Küche ist man hier sehr stolz und das zu Recht.

Es dauert drei Monate und braucht fünf Kilo mehr auf den Hüften, dann ist es soweit. Eine sportliche Betätigung muss her. Es geht ins Fitnessstudio – in zwei verschiedene und vergleicht man beide, prallen Welten aufeinander. Fitnessstudio Nummer Eins ist das Studio meines Mitbewohners und raubt einem zunächst den Atem: Überall stehen Wasserspender, es gibt eine Bar, diverse Kurse, einen Pool, Sauna, Rainshower-Duschen, Parfum und natürlich sind überall Fernseher, sogar in den Toilettenkabinen. Fitnessstudio Nummer Zwei ist nicht einmal halb so schick. Vielmehr ähnelt es eher einer „Mucki-Bude“, in der Schweiß und laute R`n`B Musik in der Luft liegen und Bodybuilder von der Wand lächeln. Stundenlang werden wir hier von zwei bemühten Trainern durch die Gegend gehetzt. Scheinbar sind wir zu ihrem kleinen Projekt geworden, denn neben dem Training werden wir auch gleich auf Diät gesetzt: Şeker yok, tatli yok.








Auch ansonsten wird der Alltag hier von aberwitzigen Momenten geschmückt: Der Bier-Kauf kann zumeist zu einer langwierigen Suche ausarten, je nachdem wie konservativ die Gegend oder Stadt ist, in der man sich aufhält. Selbst in Istanbul wird in großen Ketten ab 22 Uhr kein Alkohol mehr verkauft – da kann das zweite Bier es auch mal nicht über den Kassenscanner schaffen. Beim kuaför gleicht der Schneideprozess einem Sitz auf dem heißen Stuhl: Nachdem meine Mitbewohnerin und ich 15 Minuten am Empfang auf Beachtung warten, bis wir schließlich den schlafenden Mitarbeiter hinter der Theke bemerken, verläuft der Friseurbesuch soweit routiniert. Aber dank der Sprachbarriere darf man bis zum Schluss bangen, ob die Schere nicht doch noch zu hoch angesetzt wird. Sogar zur Maniküre und Pediküre verschlägt es mich und im Beautysalon arbeiten ausschließlich dickbäuchige Männer, die nur das Fußballspiel im Auge haben und derweil die Damen für die Partynacht aufhübschen.

Und dann wären da natürlich noch die Uni und der Sprachkurs. Neben inhaltlichen und fachlichen Kenntnissen darf man hier auch mehrere Stunden Cultural Studies genießen. Alleine in meinem Sprachkurs herrscht ein buntes Miteinander, in der man bei Zeiten auch meinen könnte, es würde sich um einen Arabisch-Kurs für Fortgeschrittene handeln. Neben drei Deutschen sitzen hier Menschen aus der Mongolei, Syrien, Ägypten, Libanon, China, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Viele Nationen, die auch Gehör finden (wollen): Von der arabischsprachigen Front kommt ein ständiges Geschnatter und gerne auch kommentierende Einwürfe à la „Oh this turkish vocabulary is same in arabic.“ – und das im Zehn-Minuten-Intervall. Addiert man dazu noch das ständige Handyklingeln und die zwischenzeitlichen Telefonate in diversen Sprachen, entfernt sich der Geräuschpegel der komfortablen Zimmer-Norm. Und dann hört man natürlich noch unsere Lehrerin sprechen – fast ausschließlich in Türkisch und das ab dem ersten Tag. In diesem Sinne: Kolay gelsin.

***
mezeler =  Vorspeisen/ ana yemekleri = Hauptspeise/ tatlı = Nachtisch, Süßspeise
şeker yok, tatli yok. = Zucker gibt`s nicht. Süßes gibt`s nicht.
kuaför = Damenfriseur
kolay gelsin = Frohes Schaffen!

Mittwoch, 23. April 2014

Zu Besuch bei:

Rosa

25 Jahre alt // lebt in Leipzig // studiert dort Psychologie im Master //
kommt ursprünglich aus Bayern // hat aber wider Erwarten keinen (starken) Dialekt // Ihr Lieblingsplatz in Istanbul: Tarlabaşı Pazarı  // aber Kadıköy findet sie
auch schön // Ihre Lieblingstätigkeit in Istanbul: essen // geht gut: Datlı Maya, Fähre fahren, den Bosporus anschauen, Straßenkatzen streicheln //
geht gar nicht: volle Tram, bevormundende Typen, schlechte Luft



Rosa wohnt keine 15 Minuten von mir entfernt, im schönen Tophane – bergabwärts der Istiklal Caddesi und nahe dem Bosporus. Sie ist ebenfalls Erasmus-Studentin an der Kültür Üniversitesi  und ist seit etwa 2 ½ Monaten in der Türkei. Genauso lange lebt sie auch schon in dieser Wohnung, im Şirin Apartman – zusammen mit Mehmet, ihrem türkischen Mitbewohner. 

Wie es sich hier auf türkischem Boden so wohnen lässt, das erzählt sie uns hier:







***
Şirin = „hübsch“

Sonntag, 13. April 2014

Die Kültür Üniversitesi

Ein Tag auf dem Campus

…ist rar. Soviel sei vorweggenommen. Natürlich gestaltet sich der Stundenplan von Student zu Student unterschiedlich, aber um auf seine Credits zu kommen, kann man mit ein wenig organisatorischem Geschick seine Kurse auf drei Tage verteilen; zumindest in Hinblick auf uns MMP Studenten: Hier wartet die Arbeit zumeist eh außerhalb des Unigebäudes auf einen und so ähnelt ein Tag auf dem Campus zumeist schon einem kleinen Ausflug. An so manchen Tagen kann der Weg zur Uni bis zu einer Stunde dauern – und dann angekommen, sieht Istanbul schon gar nicht mehr aus wie Istanbul. Hier draußen, entlang der Autobahn und in unmittelbarer Nähe des Atatürk Airports, reiht sich Shoppingmall an Shoppingmall und dazwischen befinden sich die drei Unigelände in İncirli, Bahçelievler und Ataköy. Letzterer ist auch der Campus, wo wir Erasmus-Studenten uns herumtreiben.

 

Die IKU ist, wie viele andere Universitäten auch, eine private Einrichtung und besteht erst seit wenigen Jahren. Gegründet 1997 zählt die Uni heute rund 8.800 eingeschriebene Studenten – im Vergleich dazu zählt die Fachhochschule Kiel knapp zweitausend Studenten weniger. Was den Campus betrifft, findet man hier so einiges, was man von „zu Hause“ nicht gewohnt ist: Drehkreuze an den Eingängen des Unigeländes, die (nur) mittels Studentenausweis passiert werden können. Eine Innenarchitektur, die zunächst auch auf eine Shoppingmal schließen lassen könnte. Ein angeschlossener überwachter Parkplatz und ein Kellergeschoss, in dem sich neben Restaurant und Mensa auch ein Starbucks und eine Bankfiliale befinden. Sogar eine eigene Gesundheitsabteilung findet man hier für die erste Hilfe. Für das menschliche Wohl wird also gesorgt.























Ein Tag in der Uni gestaltet sich bei mir so, dass ich pünktlich von zu Hause losfahre und ganz „deutsch“ (zumindest nach hier vorherrschendem Klischeedenken) auf die Minute pünktlich im Seminarraum sitze, um dann noch weitere 15 bis 30 Minuten auf den Unterrichtsbeginn zu warten. Bis sich der Dozent und alle Studenten eingefunden haben, braucht es hier seine Zeit; Man kann sich denken, dass ich es seit der dritten Woche auch nicht mehr so genau mit der Pünktlichkeit nehme. Wie lange der Unterricht dann andauert, dass ist auch ungewiss, zumindest für uns Erasmus Studenten.*

Danach geht es dann zumeist in die Mensa: Hier gibt es neben türkischen Klassikern wie Mantı und Gözleme auch das Tagesmenu für läppische 7 TL, das mit Suppe, Hauptspeise, Beilage und Nachtisch auch zwei Personen satt machen könnte. Plätze zum längeren Verweilen gibt es auf dem Gelände auch reichlich: Besonders die Tische draußen und die kleine Grünfläche laden bei Türk Kahvesi und Mozaik Pasta zum Sitzen, Sonnen und Schnacken ein. Çok güzel! So studiert es sich doch gern.





*
Natürlich lässt sich meine Erfahrung bzgl. Stundenanfang
und -dauer nicht pauschalisieren.

***
lokanta = Restaurant
Mozaik Pasta = Kalter Hund
Çok güzel = sehr schön

Sonntag, 30. März 2014

Türkisch Wohnen für Anfänger - die Zweite.

Ağaç Çileği sokakta evim.

Seit fast zwei Monaten wohne ich in einer kleinen schönen Wohnung in der Erdbeerbaumstraße und wer hätte es geahnt – letzteres verweist leider nicht auf einen von Erdbeerbäumen gesäumten Weg. Schön ist`s hier trotzdem.


Nahe dem Tarlabaşı Boulevard und platziert in einem alten griechischen Haus, in dem sich über unseren Köpfen – wir wohnen im Erdgeschoss – alltäglich die Barış ve Demokrasi Partisi in ihren Räumlichkeiten versammelt, ist es nur ein Katzensprung zur Istiklal Cadessi und dem Taksim-Platz.
Auch wenn mir die Wohnung anfangs ein wenig zu fancy mit seinem „Berlin style“ (ein Kommentar, der im Rahmen unseres WG Castings gefallen ist) vorgekommen ist, fühle ich mich hier jetzt doch sehr heimisch. Auf den ersten Blick wirkt zwar alles ziemlich durchgestylt, als ein Beispiel sei hier nur die Diskokugel über der Toilette zu nennen. Wohnt man hier aber ein wenig länger, merkt man, dass von den Zimmern doch mehr unperfekter Charme ausgeht als gedacht. Im Bad und in der Küche bröckelt der Putz von der Decke, in meinem Zimmerfenster klafft ein kleines Loch, von vier Herdplatten funktioniert nur eine und es kann auch schon einmal vorkommen, dass an zwei Tagen hintereinander das Wasser nicht geht. Und natürlich – wie überall hier, wird man an so manch einem Morgen vom Gesang des Muezzins aus den Träumen gerissen.


Wir drei, mein türkischer Mitbewohner Özgür und meine französische Mitbewohnerin Véro, sind alle Untermieter und das macht das Wohnen deutlich entspannter. Im der Wohnung findet man à la „This is a non smoking house!“ die ein oder andere notierte Regel, aufgestellt vom Landlord – und wir befolgen kaum eine davon. Bei uns dürfen Schuhe anbleiben, es darf geraucht und gefeiert werden und auch sonst gestaltet sich das Leben hier sehr harmonisch. Wir teilen alle Einkäufe, kochen auch mal zusammen und gerade durch Özgür kommen wir des öfteren auch mal in den Genuss türkischer Kochkunst (menemen, sigara böreği, peynirli simit). Ganze Sonntage verbringen wir damit, uns gemeinsam von einer Mahlzeit – angefangen beim türkischen Frühstück bis zum Abendessen und nächtlichem Kaffee – zur nächsten vorzuarbeiten und dabei vor dem Laptop zu sitzen und Musikvideos anzuschauen. Ob in der Wohnung oder auch mal außerhalb, wir verbringen eine schöne Zeit zusammen und letztlich habe ich hier einen guten Familienersatz gefunden. Tischdecke, Teelicht, Keramiktassen: Véro und ich, wir haben auch schon so einiges in diese vier Wände gebracht, sodass sich hier bei unserem Auszug im Sommer so einiges verändert haben wird – wir hinterlassen sozusagen einen europäischen Fußabdruck.

 

***
Ağaç Çileği sokakta evim. = Zu Hause in der Erdbeerbaumstraße.

Barış ve Demokrasi Partisi = (dt.) Partei des Friedens und der Demokratie, eine politische Partei in der Türkei, welche die Interessen der kurdischen Minderheit vertritt.

menemen, sigara böreği, peynirli simit = türkische Eierspeise, frittierte Teigröllchen mit Schafskäse gefüllt, Sesamkringel mit Käse